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Da stimmt doch was nicht

Es ist 5:30 in der früh.

Ich scrolle in meinem Instagram Feed und entdecke wieder mal einen StartUp Superstar, der ein Foto von seinen zwei neuen Rennautos in der Garage postet.
Darunter Hashtag #workhardplayhard.
Eigentlich nichts aussergewöhnliches.

Der Lauf in die Realität

Gegen 6:00 laufe ich den Wiener Donaukanal entlang – bis auf ein paar Enten, einen Fischer und zwei weitere Läufer, bin ich einer der Wenigen, der die Morgenluft genießt.

Unter einer Brücke sehe ich von Weitem etwas liegen.
Bei genauerem Hinsehen ist es ein Jemand. Ein Mann. Eingewickelt in eine Decke.

Eine Person, die die ganze Nacht auf einer Decke unter der Brücke verbracht hat. Unfreiwillig.

Er lag auch schon gestern und auch schon letzte Woche dort. Morgens packt er seine Sachen, versucht den Tag rüberzubiegen und begibt sich Nachts wieder an „seinen“ Schlafplatz, dem ihm keiner neidig ist – soviel ist Gewiss, auch ohne ihn zu fragen.

Vor zwei Monaten war ich in Wien in einer Schule, in der mir eine Lehrerin erzählte, dass es nicht genug Geld für Lehrmaterialien gibt und private Spenden dabei helfen, Bücher und etwaige Dinge zu finanzieren.

Sie erzählte mir zudem, dass es Eltern gibt, die vorne und hinten nicht wissen, wie sie ihr Leben finanzieren sollen.
Von was ich schreibe passiert in Wien, nicht in (Bitte hier Namen eines Katastrophengebietes eintragen).

Living in a bubble #workhardplayhard

Die letzten fünf Jahre habe ich in einem „höher, schneller, weiter“-Umfeld verbracht, der StartUp Welt.
Manche nennen es eine Ausprägung des Turbokapitalismus – interessanterweise einer Sache, die mir vor dieser Zeit zutiefst wider war und immer noch ist.

Hier geht es im Grunde darum, mit dem Geld fremder Menschen so schnell wie möglich „etwas Großes“ aufzubauen und alles diesem „großen“ Ding unterzuordnen. Sei es das Familienleben, Freundschaften, die innere Stimme, etc. Es wird geduldet, sogar beklatscht, dass man teilweise am Rande seiner Möglichkeiten agiert und immer noch eins drauf setzt.

Es heißt, dass es am Ende des Tages immer um die Gesellschaft geht. Für Unbedarfte hört es sich an, als ginge es um die Menschen. Kenner wissen, es geht zumeist um einen kleinen Teil der Leute, die am Meisten vom Verkauf des Unternehmens profitieren.

Ach ja, habe ich es nicht erwähnt? Das Ziel von der aktuell gelebten StartUp Thematik ist der Verkauf des Unternehmens. Zuerst spricht man davon, etwas „Großes“ aufzubauen, dann dass man eine tolle Company will und das nachhaltig. Und dann zählt es als großer Sieg („man hat es geschafft“), wenn man das Ganze hernimmt und einem Konzern verkauft, der die junge Pflanze in seinem Apparat eingliedert. Klarerweise nicht gleich, sondern so nach ca. 3-5 Jahren.

Ja, das ist Erfolg. Für wie viel reingestecktes Geld bekomme ich einen Return?

Was ist schlecht daran, Geld zu verdienen?

Absolut nichts, ich mag Geld sogar sehr und ich denke, dass es Möglichkeiten schafft.
Ich denke nur, dass wir in der aktuellen Lage den Fokus auf wie wir Business machen und feiern und das Gesamtbild unserer echten Gesellschaft und die Welt unser Kinder nicht in Relation stellen.

Ich denke, dass nachhaltiges und langfristiges Denken für unseren Planeten und der aktuelle Return-Gedanke sich im Weg stehen. Und zwar massiv.
Ja, ich denke, dass beides Hand in Hand funktionieren kann – zeitgleich sehe ich aber, dass es unsere Denkweisen blockieren.

Warum nicht mal wieder etwas „Echtes“ anstreben?

Tolle Unternehmen, die es seit Jahrzehnten gibt, die von Familie zu Familie weitergereicht wurden, könnten im Verständnis der jetzigen StartUp Kultur unmöglich überleben. Es gilt nicht mehr als Erfolg, wenn man ein Unternehmen seit 20 Jahren besitzt, sondern es zählt, wer in kürzerer Zeit über eine Milliarde wert ist. Ungeachtet dessen, was das Unternehmen produziert und wie es damit wirkt.

Zu wichtig ist das Streben nach Maximierung von Anteilen und Returnausschüttungen.

Denen, denen es gut geht – und damit meine ich auch mich – muss bewusst sein, dass es in unserer Welt eine grobe Problematik namens Ungleichheit gibt, die sich darin zeigt, wie Ressourcen und Mittel verteilt sind.

Der „höher, schneller, weiter“-Gedanke der letzten Jahre fördert jedoch kein Miteinander und keine Gesellschaft des Teilens, sondern eine der Verdrängung und des „Nummer 1“ seins. Auch wenn dies bedeutet, dass damit einhergehend irgendwer anderer eben der Verlierer ist. Selbst will man das ja nicht sein.

Wer oben ist, der gewinnt und am Weg dahin, will man ja nicht daran denken, jemals zweiter zu sein.

Wer sich Zeit nimmt und die Welt beobachtet, ist sich einig: es benötigt einer Umverteilung und hier dürfen und können wir nicht warten, bis diese die Politik in die Hand nimmt.

Ich denke, Teilen bedarf eines neuen Mindsets und zwar einem, dass das eigene Tun mit einer gesellschaftlichen Komponente verbindet.

Unser Tun und unser Handeln darf langfristig nicht mehr mit einem reinen „Return“-Gedanken verbunden sein.

Die Welt und deren Spaltung, die wir sehen, beruht unter Anderem darauf, dass die, die etwas haben, nicht mit anderen teilen, ohne an „ihren Return“ zu denken.

Unternehmertum und Ansammlung von Wohlstand ist gut

Ja, es ist gut, dass Unternehmertum aktuell gefördert wird.
Ja, es ist gut, dass wir Menschen dazu bringen, ihr Leben in die Hand zu nehmen.
Und ja, ich werde mich auf jede Bühne stellen, um Entrepreneurship und Unternehmertun zu predigen.

Gleichzeitig sehe ich auch, dass die meisten StartUps der letzten Jahre im Großen und Ganzen keine Probleme unserer Gesellschaft lösen, sondern rein unseren Komfort verbessern wollen und zwar für die, denen es schon gut geht (ist Auslegungssache … wer reflektiert ist, versteht was ich meine).

Der hundertste Essenslieferdienst in Wien führt nicht dazu, dass wir eine bessere Gesellschaft haben, wenn gerade die halbe westliche Welt an Fettleibigkeit leidet und die andere verhungert.

Die tausendste „ich finde des besten Parkplatz“ App hilft im Alltag für die mit Autos, wird aber wohl weniger dazu führen, dass unsere Welt sich in zehn Jahren nach vorne entwickelt hat.
(Ich persönlich denke ja, dass Parkplatzknappheit eine Riesenchance ist, dass mehr Menschen auf kleinere oder keine Fahrzeuge umsteigen – eine Parkplatz Such-App bewirkt ja genau das Gegenteil :).

Bin ich wütend? Ja.
Bin ich verwirrt? Ja.

Was ich nicht verstehe

Wir leben in Zeiten, in denen durch das Internet Wissen fast kostenlos ist, Unternehmen gedeihen können und die hellsten und smartesten Köpfe zusammenkommen.

Und anstatt dass die hellsten Köpfe unserer Zeit sich der wahren Ursachen der Probleme unserer Welt annehmen, wird dieses Potential darin investiert, den nächsten Hockeystock und das nächste Unicorn zu finden.

Beides Anzeichen für radikalen Wachstum auf Kosten „der Company“ – was zählt, ist das nächste große Ding. Oft wird dann auch gepredigt, dass die armen StartUps ein Hochrisiko leben.

Ja, das stimmt, sie leben im Riskio … nur zumeist mit geborgtem Geld anderer Menschen, dass sich hinter Wörtern wir Seed-Round, A-Round, etc. verbirgt.

Wir leben in gedanklichen Blasen

Gestern sprach ich mit einer Freundin, die an der „3. Mann Tour“ teilgenommen hatte. Einer Tour, die den Teilnehmer in die Kanalisation Wiens führt.
Sie erzählte mir, dass tägliche hunderte Kanal-Mitarbeiter sprichwörtlich „die Scheisse von den Wänden abkratzen“. Wie hoch die Gefahr von Infektionen ist will ich gar nicht wissen. Aber das ist echtes Risiko und zwar im Sinne einer Gesellschaft, die sich keine Gedanken machen muss, wo ihre Toilettgänge verschwinden.

Sehe ich mir Wien an, sehe ich, dass wir alles haben:
1. Habe ich Durst, trinke ich aus der nächsten Wasserleitung.
2. Breche ich mir die Hand, kann ich in das nächste Spital.
3. Denke ich, die Politiker spinnen, gehe ich vor das Parlament und schreie es laut und niemand buchtet mich ein und
4. wenn ich als angestellter Mitarbeiter arbeitslos werde, gibt es ein System, dass mich eine Zeit lang auffängt.

Ja, wir leben im Paradies! (wer mir jetzt kommt mit „aber wir müssen schauen, dass es auch so bleibt“ -> behaltet euch den Gedanken, das ist die Standardausrede für Ego-getriebenes Verhalten. Das habe ich als Flüchtling schon vor 20 Jahren gehört und seitdem wurde Wien immer besser).

Also, wo war ich? Ach ja, wir leben im Paradies!

Gleichzeitig driftet die Schere zwischen oben und unten auseinander und wer ein Unicorn hat, der ist ganz oben.
Erst danach wird von überlegt „der Gesellschaft etwas zurück zu geben“.

Die „Giving back“ Selbstlüge – eine Milderung des schlechten Gewissens

Witzigerweise ist es fast die selbe Wortwahl und im selben Zyklus, wie ich diese in den letzten Jahren von vielen (nicht allen) Konzernen gehört habe, die ihre Weste weiß waschen wollen. Eine Weste, deren Helligkeit verloren ging, als ein verrücktes Wachstumsdenken auf Kosten andere einsetze und sie dazu führte, dafür belohnt zu werden.

Was hier passiert ist folgender Gedanke, den ich dieses Jahr schon zweimal von CEOs von Wachstumsunternehmen gehört habe: „egal wen oder was ich ausquetsche, damit mein Unternehmen erfolgreich wird. Wenn es mal so weit ist ncah dem Exit, geb ich eh was zurück.“
Aha … solange ich später mal was „Gutes“ tue, kann ich bis dahin auf alles pfeiffen.

Auch okay, oder?
Da rennt doch was falsch?

Gründe und löse ein Problem

Bei der Gründung von whatchado wollte ich immer ein Problem lösen. Eines, das sich Orientierungslosigkeit bei Kindern nennt und welches langfristig zu Jugendarbeitslosigkeit führt und die Gesellschaftsspirale nach unten dreht. Mit der whatchaSKOOL haben wir gestartet, weil wir nicht zusehen wollten, wie die Zukunft unserer Jugend aufs Spiel gesetzt wird.

Wir haben Investment bekommen. Ja, das stimmt.
Zeitgleich ich hätte mich 2011 niemals getraut, einem Investment zuzustimmen, wenn wir nicht bis dahin ca. 60.000 EUR zugesicherten Umsatz gehabt hätten und bewiesen hätten, dass wir

  1. ein ECHTES! Problem lösen und
  2. ein Model gefunden haben, mit dem wir uns selbst erhalten können und das nachhaltig

Denke ich, dass etwas nicht stimmt.
Ja, das denke ich und zwar von Tag zu Tag mehr.

Zurück in meiner Realität

Es ist ca. 7:20.

Ich nehme mein Handy, klicke wieder auf Instagram und suche nach dem Hashtag #workhardplayhard: 3,169,820 Treffer.
Ich suche nach dem Hashtag #givingback: 526,391 Treffer.

Instagram ist nicht repräsentativ für unsere Welt, zeitgleich stellvertretend für ein Blitzlicht unserer Gesellschaft und ihrer Werte, in der 6-mal so viele Menschen ihre Botschaften mit „höher, schneller, weiter“ versehen als mit der Botschaft, etwas zurück zu geben.

Geben, dessen Verlust mir nicht weh tut

Ich komme Heim, dusche mich. Ich denke an den Mann unter der Brücke.

Ich ziehe mich an, gehe zurück und stecke dem Mann unter der Brücke etwas Geld zu.
Geld, dass ich wahrscheinlich für den nächsten Kinobesuch oder den Aperol Spritz an einem Sommerabend sowieso ausgegeben hätte.
Geld, dass mir nicht weh tut, wenn es jemand anderer hat.

Es wird nicht sein Leben ändern, ihm aber vielleicht einen würdigen Vormittag ermöglichen.

Was wir auf der Welt nicht (noch mehr) brauchen ist #workhardplayhard.
Was wir endlich mal brauchen ist #sharingWithoutACause.

Das ist das, womit meine Kinder aufwachsen sollen. Miteinander, nicht gegeneinander.

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  • Pingback: #SharingWithoutACause | GoldenGap - Ihre Agentur()

  • Ursula Eysin

    Wow, großartig auf den Punkt gebracht!

    • mahlo

      Lieber Ursula, danke dir!

  • Carolin

    Toller Artikel, der es genau auf den Punkt bringt.
    Dazu muss man allerdings sagen, dass die wenigsten Menschen in einem sinnvollen Ausmaß über sich selbst reflektieren können. Der Druck und die generelle Message, mit der man heute aufwächst, lautet: viel Geld, viel Luxus für wenig Aufwand und überhaupt mehr ‚life‘ als ‚work‘ Balance. (Was sowieso wieder keine Balance ist, aber auch das ist etwas, dass unsere kurzfristig denkende Gesellschaft gerne übersieht)
    Etwas aus wirklich ehrlichen Gründen zurückgeben, ohne dafür Applaus zu bekommen ist schlichtweg UNCOOL und wird gesellschaftlich nicht gewürdigt – und damit fängt es schon an. Wir – oder viele von uns – arbeiten und leisten weil sie süchtig nach gesellschaftlicher Annerkennung sind und nicht weil sie ihrer eigenen Überzeugung Folge leisten.
    Daher wäre ich für:
    #sharingWithoutACauseAndWithoutATag