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Ali und Papa

Die Mündigkeit der Mitte

Wir dürfen Regierungen und Präsidenten wählen, dürfen Kinder in diese Welt setzen und haben das Vertrauen, Fahrzeuge zu lenken, die gut und gern auch eine Tonne wiegen können.

Ja, wir dürfen, können und sollen Verantwortung übernehmen. Und das tun wir auch, jeden Tag unseres Lebens.

Doch irgendwie gibt es einen Bereich, wo uns allgemein in Diskussionen die Fähigkeit der Selbstwirksamkeit als fast schon Gott gegeben abgesprochen wird oder zumindest immer wieder in Frage gestellt wird.

Am Arbeitsplatz.

Der noch am Morgen der fürsorgliche Vater, die nachhaltig planende Mutter, der mündige Wähler oder die verantwortungsvolle Autofahrerin, geben aller Anschein nach mit dem Überschreiten der Schwelle zum Arbeitsplatz jegliche Selbstverantwortung und Selbstbestimmung an der Bürotüre ab.
Plötzlich müssen wir das tun, was andere uns sagen und es so umsetzen, wie diese es verlangen. Wenn wir unseren eigenen Kopf einsetzen und das Bestehende hinterfragen, kann es passieren, dass uns dieser kalt gewaschen wird.

Wir gehen fast jeden Tag einer Tätigkeit nach, welche dabei hilft, die Ziele anderer umzusetzen und das machen wir – wenn wir ein Mitglied der Gesellschaft sein wollen – Vollzeit, also mindestens ein Drittel des Tages. Wann wir damit anfangen, gibt uns auch jemand anderer vor.

Wollen wir frei haben, müssen wir jemand anderen um Erlaubnis bitte und wenn alles aus der Sicht dieser Person okay ist, bekommen wir Urlaub. Aber auch nicht so lange, wie wir wollen oder wie sehr es unser Körper oder unser Geist benötigen, sondern es wird uns vorgegeben.

Wir spielen das Spiel solange, bis wir ca. 60 bis 65 Jahre alt sind und dann – und das in voller Abhängigkeit vom Staat und dessen Finanzierungsfähigkeiten – erhalten wir dann endlich die wohlverdiente Pension und können dann die restlichen 20 Jahre endlich das machen, was wir gerne machen wollen. „Denn später hat man ja endlich Zeit zum Leben“.

Was für ein Schwachsinn und welche Zumutung an den Intellekt, an das Potential und an die Menschenwürde eines jeden Menschen.

Kritiker werden sagen „dann spiel doch nicht mit, weigere dich“.
Ja, könnte der mündige Mensch.

Wir können so mutig sein und darauf verzichten, einer Zwangsmitgliedschaft der Leistungsgesellschaft beizutreten und könnten ja echt das machen, wofür wir geboren worden sind.
Ja, wir könnten – anstatt gleich eine Karriere einzuschlagen – uns die Zeit nehmen, uns dem Leistungsdruck verweigern und unserem recht kurzem Dasein auf Erden einfach mal Zeit geben, in uns hineinzuhören. Reinzuhören, was es da drinnen denn gibt, dass wir als Kompass unseres Lebens heranziehen könnten.

Ja, die Zeit könnten wir uns geben.

Doch auf einen positiven und auf Augenhöhe basierenden Dialog mit solchen Menschen ist unsere Gesellschaft nicht vorbereitet.

Arbeitsloser, Schmarotzer, Leistungsverweigerer, Träumer, „einen, den die Gesellschaft aushalten muss“.

Wer es einmal erlebt hat, der kennt den Schmerz, den diese harten Urteile mit sich tragen.

Also ganz ehrlich, da stimmt doch was nicht.

Am Tag meiner Geburt wusste ich ja nicht mal, dass es „die Wirtschaft“ und ihre mittlerweile unkontrollierbaren Auswüchse gibt.

Hätte ich gewusst, dass ich bereits mit 6 Jahren jeden Tag per Zwang in einem Raum sitzen und Dinge lernen muss, die ich ein Jahr später nicht mehr weiß … ganz ehrlich, ich hätte das Leben am Spielplatz und die Lust am Neugierig sein dem ganzen Regelwerk vorgezogen.

Meine Muttersprache habe ich ohne Grundwortschatz gelernt. Einfach so.
Das stand niemand neben mir mit einem Schulstoff und einem Vokabelheft und hat mich gedrängt, die Muttersprache zu lernen.
Nein, ich wollte es. Und hab es einfach getan, weil mein Gehirn, meine Neugierde und mein Potential die Geschenke waren, die alle Menschen am Tag ihrer Geburt erhalten haben.
Oder kennt jemand ein Kind, dass in der Ecke sitzt und sich weigert, die Muttersprache zu lernen?

Hätte ich gewusst, dass ich Jahre später in diesem System als lernschwach und sprachlich unbegabt eingestuft werde, weil schlicht und einfach meine Interessen nicht vorhanden waren, ich denke, ich hätte ein Leben als Sozialschmarotzer gewählt.

Ich habe gehen gelernt, ohne am Tag meiner Geburt zu wissen, dass ich das eines Tages lernen sollte.
Und ich habe gehen gelernt, weil ich es bei anderen Erwachsenen beobachtet habe und es unbedingt wollte. Und ich bin beim Versuch der ersten Schritte hingefallen.
Und bin wieder aufgestanden. Und wieder hingefallen.
Bloß, habe ich aufgegeben? Kennen wir Kinder, die nach dem 20sten Versuch sagen „so, ich gebe auf, das wird nichts mehr“.
Nein, wir Kinder haben einfach weitergemacht, obwohl wir auf die Schnauze gefallen sind.
Es war das auf die Schnauze fallen, dass uns dazu gebracht hat, zu lernen, wie es nicht geht, um dann den einen Schritt zu setzen und endlich stehen zu können.

Hätte ich gewusst, dass mir diese angeborene Fehlerkultur und der Wille, es immer wieder zu versuchen, später mal abtrainiert wird, in dem ich mit dem Anstieg meiner „Fehler“, die meine liebsten Freunde mein Gehen-lernen waren, bestraft werde, ich hätte mich wahrscheinlich schon früher für das Leben eines Schulabbrechers entschieden.

Ich hätte dafür gesorgt, dass der Abbruch Teil des Aufbruchs in das echte Leben gewesen wäre. Wissentlich und beabsichtig und nicht wie Jahre später aus reiner Angst und als Opfer der Umstände.

Ganz ehrlich, da stimmt doch was nicht, wenn Menschen, die sich bewusst Zeit für ihr Leben nehmen, sich Monatelang zurück ziehen und vom Zahnrad der Gesellschaft Pause nehmen, als Exoten wahrgenommen werden.

Und die, die sich ihr Geburtsrecht nehmen, als Individuen ihre Zeit, ihr Leben und ihre Abhängigkeiten von der Gesellschaft selbst zu definieren, sich dieses Recht und diese Möglichkeiten erst hart erarbeiten müssen.

Ja, da stimmt was nicht.

Wir sind aktuell in der Geschichte der Menschheit an einem Punkt, an dem sich nicht mehr leugnen lässt, dass es so nicht weitergehen kann.
Wir erleben Gruppierungen, die das Bestehende in Frage stellen und die, die den Status Quo über den Erhalt hinaus auch gerne mit dem Rad der Zeit in gute alte Vergangenheit drehen möchten.

Was übrigbleibt ist eine Mitte, die zwischen den Stühlen sitzt und hofft, dass endlich jemand die eine Antwort hat, wie mündig und selbstwirksam unsere Gesellschaft sich selbst emanzipieren möchte.

Das Schöne ist, diese eine Antwort – auf die wir alle warten – ist so individuell wie jeder Sessel, auf dem eine Person mit einem Fragezeichen im Gesicht sitzt.
Eine Person, die jede Sekunde die Chance hat, zu bestimmen, wie ihre eigene Zukunft auszusehen hat.

Was es benötigt, ist Mut, der Glaube an sich und eine Gruppe von Menschen, die Mündigkeit neu definiert und mit Freiheit der Verantwortung assoziiert.
Diese Gruppe ist es auch, die sich nicht mehr als Verbraucher oder Konsument beschimpfen lässt und weiß, dass ihre innersten Bedürfnisse nicht von einer Konsumwirtschaft genährt werden, die den Menschen dann als notwendig erachtet, wenn dessen Bedürfnisse sich mit dem Überangebot der Wirtschaft decken.

Ja, da stimmt was nicht. Und es sind immer mehr, die dies erkennen.

Ein hoch auf die neue Mündigkeit in der Mitte der Gesellschaft, die das Eis zum Brechen bringt, wo andere den verzweifelten Versuch leben, diese mit meterlangen Tesa-Streifen zu kitten.

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