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Eine Geschichte über gute Menschen, die böse handeln

Ich war dreizehn Jahre alt, als ich eines Tages nach dem Fußball nach Hause kam und sie auf mich warteten.

„Sie“ waren eine Gruppe von immer fünf bis sechs Jugendlichen um die siebzehn bis neunzehn Jahre, die jeden Nachmittag zusammen „abhingen“ und jeden, der nicht genug Kraft hatte schikanierten.

Tja, mit dreizehn Jahren war ich nicht gerade der stärkste Junge der Gegend und an diesem Nachmittag fiel die Wahl wohl auf mich.

Ich weiß noch, wie ich die Straßenseite wechseln wollte, aber da niemand sonst in der Nähe war, fiel mein Versuch des Ausweichens natürlich auf.

Philipp, der Anführer der Bande, war immer etwas zwiespältig – manchmal winkte er nett rüber, die anderen Male war es der Mittelfinger, dem er einem entgegenstreckte.

Ich wusste nie, was ich von ihm halten sollte und das machte mir am meisten Angst.

An diesem Tag war er es, der mir den Weg abschnitt und mit typischen Floskeln begann, mich aufzuhalten.
Er fragte mich, ob ich eine Zigarette wolle, was ich verneinte, da ich nichts davon hielt.

Als mich alle Jungs umzingelt hatten, begannen mich alle zu fragen, ob ich eine Zigarette haben möchte.
Wieder sagte ich nein und ging einfach weiter, wurde aber recht unsanft durch einen Stoß gegen meine Schulter gestoppt.
Philipp sagte mir, dass ich lieber mal eine Zigarette probieren soll.
Um endlich meine Ruhe zu haben, sagte ich ihnen, dass ich halt eine haben will.
So schnell, konnte ich gar nicht schauen, hielten mich zwei der Jungs fest und Philipp rauchte sich eine Zigarette an und hielt sie mir zuerst zum Mund.
Mit mehr oder weniger schlechten Versuchen probierte ich diese, aber er zog sie schnell wieder zurück.
Wenige Sekunden später hat er mir die Zigarette mit den Worten „rauchen ist ungesund“ auf meinem Handrücken ausgedrückt und zwar so fest, dass ich mich heute noch an die Hitze des Feuers erinnern kann.
Irgendwann begann ich zu weinen und sie ließen mich los und gingen weg.
Ich traute mich nicht nach Hause, da ich nach Zigarette roch und meine Hand mir weh tat.
Zum Glück war Winter und ich tat etwas Schnee auf meine Hand, weil es so weh tat.
Zuhause gab ich mir mehrere Pflaster auf die Hand und sagte meinen Eltern, dass ich mich einfach in der Schule aufgekratzt hatte und daher die Pflaster habe.
Ich schwor mir, dass ich, wenn ich mal die Chance dazu bekommen würde, es Philipp zurück zahlen würde.
Für mich war er Feindbild Nummer eins und aufgrund meiner Wut konnte ich an nichts mehr anderes denken, als es ihm mal genauso gleich zu tun.
Im Nachhinein denke ich, dass kein dreizehn jähriges Kind sich in diesem Alter mit solchen Themen auseinandersetzen sollte, aber damals war es das erste, an das ich denken konnte, wenn ich wach wurde und das letzte, bevor ich ins Bett ging.
Im Sommer drauf starb Philipps Mutter.
Kurz darauf erfuhr ich die Geschichte hinter dem Tod seiner Mutter.
Als Philipp geboren wurde, verließ der Vater die Familie. Die Mutter, die viel zu jung war, begann mit den falschen Leuten Zeit zu verbringen und wurde drogenabhängig.
Seit seinem 13 Lebensjahr war Philipp mehr oder weniger der Einzige in der Familie, der sich um seine kleine Schwester kümmerte, die damals 2 Jahre jünger war als er.
Als seine Mutter nicht mehr fähig war, für die Familie zu sorgen, kamen sie zur Großmutter, die selbst nicht mehr ganz fit war.
Philipps Schwester wurde später auch drogenabhängig und und kam zu einer Pflegefamilie und dann in Behandlung.s
Der Vater, der nach seiner Geburt weggelaufen war, kam zwar zurück, aber als er sah, in welchem Zustand die Familie ist, sagte er der Mutter, dass er froh ist, dass er damals abgehaut ist.
Als er das tat, waren Philipp und seine Schwester ebenfalls im Raum.
Als ich diese Geschichte hörte, war mein ganzer Hass weg.
Ich wusste nicht warum, aber plötzlich tat er, der mir weh getan hatte, so sehr leid, dass ich für ihn da sein wollte.
Mir war es egal, was mir angetan wurde, weil ich plötzlich nachvollziehen konnte, warum dies passierte.
Nach dem Tod seiner Mutter habe ich Philipp nur mehr vereinzelt gesehen und wenn, war er nur mehr ein Schatten seiner selbst.
Im Leben sehen wir Handlungen von Menschen und bilden uns ein, diese Menschen verurteilen zu dürfen.
Dafür, dass sie Dinge tun, die „nicht normal“ oder „nicht logisch“ sind oder wir unterstellen ihnen, dass sie „nicht menschlich“ sind.
Kein Mensch wird als böse geboren … es sind die Erfahrungen unserer Umwelt, die uns zu dem machen, wie wir zu anderen sind.
Was ich damals gelernt habe ist, dass ich keinen Menschen – egal wie hart dieser zu mir ist – dafür verurteilen darf, WER die Person ist.
Ich darf zwar Handlungen dieser Person verurteilen und beurteilen, aber niemals die Person selbst.
Schließlich wissen wir alle nicht, welche Steine einen Weg bisher gepflastert haben.
Wir verurteilen schnell mal Menschen, wegen Dingen, die sie tun und setzen diese Handlung mit der Person selbst auf eine Ebene.
Gleichzeitig vergessen wir aber, dass alle Handlungen, die passieren, immer durch das Weltbild dieser Person gelenkt werden – und es kann oft sein, dass dieses Weltbild durch Geschehnisse geformt wurde, die für diese Person kein anderes Handeln zulassen.
Philipp, und das denke ich mir oft, war sicher nicht stolz auf seine Taten und er wird es heute immer noch nicht sein.
Aber, wenn man bedenkt, was dieser Junge damals durchgemacht hat, kann man nur etwas zurück steigen und ihm alles Gute für seine Zukunft wünschen.

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