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“same same, but different” statt Vorsätze für den Kanal

Wenige Tage noch bis Neujahr.

Wenige Tage noch bis “und welche Vorsätze hast du für 2016?”. 

Wenige Tage noch bis “das war ein bescheidenes Jahr”. 

Wenige Tage noch bis “das war ein geiles Jahr”. 

Nur noch wenige Tage, bis wir “von neu” starten und auf eine bessere Zukunft hoffen … so wie letztes Jahr, das Jahr zuvor und alle Jahre, die davor lagen.

Aber auch wie all die Jahreswechsel, die noch vor uns liegen. 

Vor nicht gerade mal 48 Stunden waren oben angeführte Gedanken und Gespräche an der Tagesordnung. 

Heute habe ich mich dabei ertappt, wie ich an 2016 gedacht habe, das besser als 2015 werden soll und mich wieder dabei erwischt, wie ich einzelne Bereiche durchgehe und mich frage, wie ich diese “besser” machen kann und plötzlich fand ich mich wieder in mitten einer gedanklichen Liste von vermeintlichen Vorsätzen, die ich selbst bei anderen belächle.

Und das Problem bei “jetzt mach ich es besser”-Ansätzen und Optimierungsversuchen ist doch, dass es für diese nach oben keine Grenzen gibt und so spinnt das Gehirn eine nicht endende Welle von Ideen und Ansätzen, wie alles 2016 besser sein könnte. 

Warum müssen wir immer alles auf Teufel komm raus besser machen?

Warum fragen wir uns oft gegenseitig, was wir kommendes Jahr besser machen wollen?

Warum sind wir nie mit dem “jetzt” zufrieden? Warum nicht mal für eine kurze Dauer zufrieden sein und in Ruhe die eigenen Erfahrungen wirken lassen und die sich daraus ergebenden Veränderungen akzeptieren. 

2015 war ein heftiges Jahr, beruflich, privat und sonst auch in jedem Bereich dazwischen. Nicht nur für mich, für viele andere wohl auch. 

Würde ich es im Nachhinein besser machen wollen? Theoretisch ja, aber dann würde mir ein Lastwagen voller Erfahrungen fehlen, die mich heute zu dem machen, der ich bin. 

Die Frage müsste doch eher sein, ob ich jetzt in diesem Augenblick der bin, der ich sein will. 

Meine Antwort ist ja. 

Die Frage müsste doch sein, ob ich jetzt, wenige Tage nach dem Jahreswechsel, glücklich und begeistert bin. 

Die Antwort ist ja. 

Ich will mir dieses Jahre keine Vorsätze vornehmen, die wie Upgrades wirken – nur meinen Weg fortsetzen und schauen, wo mich dieser hinführt und nicht jedes Jahr auf Reset drücken, weil ich mir dann einrede, dass dieser eine Jahreswechsel alles ändert. 

Wir sind an dem Tag nach dem Jahreswechsel die selben, wie am Tag davor. 

Wollen wir wirklich etwas ändern, wird es nicht dieser Tag sein, der alles ändert, sondern unser Wille, es zu tun und dieser ist unabhängig von internationalen Feiertagen.

Chiang Mai, 2. Jänner, 2016

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Wie mir ein thailändischer Koch, fern der Heimat, die Welt erklärt

Ich bin seit ca. 5 Tagen in Thailand – ohne mein Handy weiß ich es gar nicht so genau und meine Uhr, die ich aus Wien mitgenommen habe, dürfte sich wohl auch einen Urlaub gegönnt haben.

Gerade habe ich gehört, wie endlich bekannt gegeben wurde, dass Microsoft einen neuen CEO bestimmt hat – Satya Nadella, einst einer der Helden von Sun Microsystems, seit sicher über 20 Jahren bei Microsoft, wird der neue Boss in Redmond.
Find ich gut, der Typ hat Style und steht für echte Innovation … aber eigentlich sollte mir das recht egal sein – hier in Koh Lanta, einer kleinen Insel in Thailand, die dafür bekannt ist, dass die Leute hier früh schlafen gehen.

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Es ist bereits mein 4. Mal in Thailand … und irgendwie habe ich das Gefühl, dass es nicht mein letztes Mal gewesen sein wird.

Einmal “reboot” bitte

Das erste Mal war ich 2006 in Thailand und wurde sehr schnell in den Zauber des Landes gerissen.
Damals habe ich wenige Tage vor meinem Rückflug nach Wien bemerkt, dass ich nicht mehr als SuperDuber Berater in der IT Branche arbeiten möchte und am Strand von Koh Phangan beschlossen, dass ich meinen Job kündigen werde, um danach – als kompletter Newbie – in der Kommunikationsbranche zu arbeiten.

Klingt gerade alles sehr überlegt, dem war aber zuvor ein kompletter Zusammenbruch meiner Wertewelt (Karriereleitern, Bonis, Auto, Status, geiler Jobtitel) vorausgegangen. Ja, daran war Thailand schuld.

Ich habe keine Ahnung, aber das lerne ich auch noch

Niko Alm, Chefe bei Super-Fi, war damals echt bereit, mir die Chance zu geben, als Quereinsteiger bei ihm zu starten.
Dem vorausgegangen war eine Email von mir, in der ich ihm schrieb, dass ich keine Ahnung von Kommunikation habe, aber alles lernen kann und dass ich es unbedingt möchte.

“Irgendwas mit Social Media und Digital” wollte ich machen – hatte aber keinen Tau, wie komplex das werden wird, wusste ich nicht mal die Standard-Größen von Onlinebannern.

Im Nachhinein betrachtet war das “Bootcamp a la Alm” (einmal habe ich ca. 72 Stunden im Büro verbracht – ohne Duschen 🙂 genau das Richtige – oder ich hatte nur verdammt viel Glück – und ich nach knapp 2,5 Monaten Projektleiter für digitale Projekte bei RedBull Mobile und Hutchison.

War eine echt geile Zeit, die nur mehr von der Umsetzung meines “Freizeitprojektes” whatchado getoppt wurde.
Niko sagte mir noch, dass ich der Sache ruhig in meiner Freizeit nachgehen soll, solange es meinen Job nicht behindert.
Tja, im Endeffekt habe ich Oktober 2011 bei ihm gekündigt, um whatchado als “echte Firma” zu gründen. Mitgenommen habe ich Niko dann auch gleich – heute ist er Business Angel bei whatchado.

Das ich mal einen Politiker (Niko ist bei NEOS in Wien an vorderster Front) dabei haben würde, hätte ich mir nicht gedacht – aber meine Lehrer dachten wohl auch nie, dass aus mir, der zwischen seinem 13. und 19. Lebensjahr stotterte, mal ein Unternehmensgründer wird, der an Schulen und Unis Vorträge über die richitge Berufswahl hält.

Und begonnen hat damals alles in Thailand

Eine Bekannte hat mich vor Kurzem gefragt, ob man derzeit sicher nach Thailand reisen kann – bekanntermaßen kämpfen derzeit (wieder) die Rothemden gegen die Gelbhemden um die Vormachtstellung in Thailand.
Austragungsort: Bangkok
Meine Antwort war die, die man hier seit Wochen hört: halt dich fern von Menschenansammlungen, meide Demonstrationen und gehe um Himmelswillen nicht zu einer Kundgebungen. Dann sollte es sich gut ausgehen.

Auch wenn es hier bei den Ausschreitungen schon Tote gab … hier in Koh Lanta fühlt es sich mit den Unruhen an wie in Meidling im schönen Wien – dem Ort, wo ich wohne … ganz weit weg und “irgendwie nicht meine Baustelle”.

In knapp 1,5 Wochen wird dies anders aussehen, wenn ich selbst 4 Tage in Bangkok verbringe.
Dann wird sich alles nur mehr um dieses Thema drehen, während ich in irgendeinem Cafe sitze und einen Fruchtshake in mich runterleere und mich wie immer wundere, wie billig es hier in Thailand ist, um dann den Euro wieder hochleben zu lassen.
Um ein Bild zu bekommen: ein warmes sättigendes Gericht am Strand kostet hier im Durschnitt 2-3 EUR.

Zwischen Thailand und Wien sind 6 Stunden Zeitverschiebung und gute 10 Stunden Flugzeit – geht man hier auf die Straßen, ist es eine andere Welt.
Die Menschen, die Temperaturen, das Essen, der Verkehr, die Zeit, der Himmel, der Geruch … alles ist anders, hat aber trotzdem – oder gerade deshalb – genau die richtige Mischung und Eleganz, die uns Europäer in den Bann zieht.

Ich komme hier immer wieder zurück, weil es ein Ort ist, der einem aufzwingt, das eigene Leben zu challangen … vieles kann oft so einfach sein, vieles belastet ohne Grund und und und … dutzende Gedanken, wie das Leben nicht besser sein sollte.
Und in Wien vergesse ich wieder die Hälfte und falle in alte Muster 🙂

Wenn die simplen Dinge überraschen

Bei einem Kochkurs, den ich heute belegt habe, wurden in ca. 5 Stunden 5 Gerichte gekocht und verputzt … und ich mitten drin als Koch meiner eigene Thai-Spezialitäten. Mann, war ich gut 🙂
Zugegeben, der Kochkurs war für richtige Touristen und ja, ich bin in dem Fall schuldig … Touri sein hat halt echt was, auch wenn ich die Zeiten als Backpacker noch nicht abgeschrieben habe (hey, mein komplettes Gepäck diesmal für 3 Wochen Thailand hatte nicht mal 6kg).

Unser Kochlehrer – an dem ein Kabarettist und Entertainer verloren gegangen ist – erzählte uns, dass er 3-mal täglich einen Kurs hält, wobei nicht alle 5 Stunden dauern würden.

Mehr verwunderte mich, dass er dies 7 Tage die Woche macht.

Auf die Frage, ob das denn nicht viel zu viel wäre, wenn er überhaupt kein Wochenende hat, gab er eine Antwort, die alles auf den Punkt bringt, warum wir uns selbst täglich in den Arsch treten sollten:

“Ich liebe was ich tue. Würde ich auch nur eine Stunde lang einem Job nachgehen, der mir keinen Spaß macht, wäre es ein weggeschmissenes Leben. So kann ich das, was mir Spaß macht, von früh bis spät tun und wenn ich müde bin, denke ich immer daran, dass es der beste Job der Welt ist und wie glücklich ich mich schätzen kann.”

Dieser Koch steht für all die Menschen, die ich weltweit in Regionen getroffen habe, denen es nicht so gut geht wie uns in Wien und die trotzdem – oder gerade deswegen – darüber sprechen, dass sie alle einem Beruf nachgehen (wollen), der sie durch und durch glücklich macht.

Egal ob Kuba, Indien oder in abgelegenen Teilen Thailands … überall trifft man Menschen, denen komplett bewusst ist, dass sie etwas finden müssen, dass sie glücklich macht – nicht nur nebenbei, sondern verdammt noch mal hauptsächlich.

Das Paradoxon, dass wir uns selbst auferlegen

Denke ich an Zuhause, wo mir erst vor Kurzem sogar der Geschäftsführer einer Karriereplattform sagte “ach Ali, die Leute wollen ja nur irgendeinen Job machen und den richtigen Beruf gibts für die gar nicht, das ist Wunschdenken”, werde ich unweigerlich mit all dem vergessenen Luxus und den damit verbundenen Denkschranken konfrontiert, die wir uns auferlegen:

* Wir leasen uns Autos, weil uns oft das Geld fehlt und wir zu faul sind, das beste Verkehrsnetz der Welt zu nutzen.
* Wir kaufen uns den größten Fernseher, damit wir uns danach über die Schrottsendungen auf 140 Sendern aufregen.
* Geben dutzende Euros aus, damit wir uns immer die neuesten Spielzeuge (früher als Telefon bekannt) leisten können, nur um dann wieder das Nächstbeste zu wollen
* Brechen wir uns den Arm, gehen wir ins nächste Spital – die Behandlung ist natürlich kostenlos.
* Haben wir Durst, kommt das Wasser fast schon magisch aus dem nächsten Wasserrohr und ja, wir können es bedenkenlos trinken.
* Wollen wir studieren, kostet uns das im Jahr ca. 700-800 EUR – macht in etwa die Ausgaben von 15-20 durchzechten Wochenende aus.
* werden wir arbeitslos, unterstützt uns eine der besten Einrichtungen ever, das AMS, mit Arbeitslosengeld.
* und haben wir eine kritische Meinung, können wir diese äußern, ohne dafür eingesperrt zu werden.

Gar nicht so schlecht, oder?

Wir wir unseren Tag nutzen

Wir schlafen ca. 7-8 Stunden, arbeiten ca. 8-12 Stunden (inkl. Fahrzeiten, am Abend über die Arbeit sprechen/nachdenken) und haben ca. 4 Stunden am Tag für etwas, dass sich dann “Leben” oder “Freizeit” nennt.
Bedenkt man, dass wir unter der Woche mind. die doppelte Zeit unserer Freizeit in der Arbeit verbringen, ist es schon fast lächerlich, dass wir mehr Planung und Neugier in unsere Freizeitgestaltung stecken, als sonst in die Tätigkeit, die den größten Teil unseres Lebens ausmacht.

Hilflosigkeit, der beste Freund der Bequemlickeit

Und wenn es eben darum geht, wie wir diese arbeitende Hälfte unseres Tages verbringen, setzt unsere Hilflosigkeit ein … dann sind wir Opfer, geben anderen die Schuld, dass der Job nicht so super ist und freuen uns auf das nächste Weihnachtsgeld und jeden Mittwoch schon auf das Wochenende, weil ja Montags schon die Unterbrechung der Freizeit wieder losgeht. Ach ja, und die 25 Tage Urlaub natürlich – ganz wichtig.

Selbst und ständig denkend – die Feinde aller Sicherheiten

Und denken wir an Selbstständigkeit – also daran, das eigene Tun in die Hand zu nehmen und der eigene Chef zu sein, selbst zu bestimmen, was wir tun, wann wir es tun und mit wem wir zusammenarbeiten möchten – überkommt uns die Angst, unsere Sicherheit zu verlieren – eine Sicherheit, die wir nie hatten und die sich im Grunde darum dreht, dass “sich eh wer anderer um uns kümmert” – sei es Papa Staat, die Firma oder wer zum Henker noch da ist.

Und dann komme ich nach Thailand auf eine Insel, und der erste Thai, mit dem ich mehr als 5 Minuten spreche, erzählt mir ganz selbstverständlich, dass es seine Aufgabe ist, sein tägliches Glück selbst zu bestimmen.

Tja, so ein Kochkurs in Thailand hat schon was.

Ali
Koh Lanta, Februar 2014