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Wissen wir, in welcher Schlange wir stehen?

Ich bin seit gestern in Krabi, einer wunderschönen Provinz im Süden Thailands und werde die nächsten Tage hier verbringen. Bis vor kurzem war ich genau am anderen Ende Thailands und zwar in Chiang Mai, einem kulturell wertvollen Flecken Erde. Komplett anders als Bangkok und die sonst touristischen Plätze dieses Landes. 

Wenn man einige Tage in Ruhe verbringt, fallen einem typische Gewohnheiten, wie sie uns aufgrund von Stress und Überarbeitung nicht mehr bewusst sind, eher ins Auge. 

Der Flughafen Chiang Mai ist an sich ein wichtiger Transferpunkt des Nordens, in seiner Größe und Ausstattung aber eher eine schlichte und überschaubare Lokation. Sie erfüllt ihren Zweck ohne dabei besonders schick zu wirken, muss es auch nicht. 

Aufgrund meiner Standard-Paranoia, das jeweilige Flugzeug zu verpassen, waren wir auch diesmal wieder fast zwei Stunden zu früh am Airport … man könnte ja in einen Stau kommen, der Security-Check könnte ewig dauern und und und … wenn es darum geht, mit dem Flieger unterwegs zu sein, laufe ich gerne trotz Sonnenschein mit einem Regenschirm durch die Gegend. 

Tja, da waren wir, am Flughafen … und ja, zwei Stunden können verdammt lang sein, aber auch sehr lehrreich, wenn man einfach nur beobachtet. 

Uns fiel eine fast hundert Meter lange Schlange auf, dessen Ende zuerst gar nicht ersichtlich war. Nachdem wir der Schlange zum Anfang gefolgt waren, sahen wir, dass diese in einem stinknormalen Laden mündete, der klassische Mitbringsel verkaufte. Und diese nicht mal viel günstiger. Es gab kleine Mützen, Postkarten, T-Shirts, etc. Alles Dinge, die man überall in Thailand an jeder Ecke günstig kaufen kann. 

Aber irgendwie schrie diese Schlange nach “hier stehen viele, daher wichtig”. 

Was mir auch auffiel war, dass die meisten sich einfach anstellten, weil nun mal so viele andere auch dort standen. Teilweise sahen die Leute gar nicht, wo sie gerade anstanden. Sie wussten nur, dass es “da vorne” was tolles geben musste. 

Es war das klassische “einfach mal mitmachen, man könnte ja was verpassen”, gefolgt von “wenn alle da anstehen, muss es richtig sein”. 

Aus der Ferne betrachtet war es paradox. Alle Personen, die in Chiang Mai am Airport auf ihren Flug warteten, würden beim nächsten Stop, wo sie ankamen, die selben Produkte kaufen können und das sogar teilweise günstiger. 

Als ich schon ansetzen wollte, um mich in bester Wiener Manier, darüber aufzuregen, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. 

Irgendwie stehen wir doch alle in unterschiedlichen Lebensphasen in einer Schlange an, deren Ende wir nicht kennen. Wir tun es trotzdem, weil es die Masse macht und weil die es eben macht, fühlen wir uns geborgen und nicht allein.

Dieses mit der Masse gehen, in Schlangen zu stehen, deren Ende wir nicht selbst überprüft haben, führt langfristig zur Aufgabe des eigenen Entscheidungswillens. 

Zwei Beispiele:

Die Wohlstandsschlange

Wir laufen jahrelang in einem Hamsterrad, schuften uns in gesichtslosen Umgebungen ab und arbeiten Tag ein Tag aus für die Wünsche und Träume anderer, weil uns irgendwann erzählt wurde, dass uns am Ende dieser Schlange namens “Arbeitsleben” die wohlverdiente Pension erwartet. 

Dann, ohne Vorwarnung, schreiben die Medien darüber, wie es unseren Pensionen wirklich geht. Es gibt plötzlich Möglichkeiten, sich seine Pension ausrechnen zu lassen und alle schreiben darüber. Darum sieht man sich als braver Mensch, der in der Schlange steht, auch mal an, was einen selbst am Ende dieser Schlange erwartet. Mit der Erkenntnis, dass die Berechnung ausspuckt, dass die wohlverdiente Pension eher einem Engerschnallen des Gürtels gleicht. 

Für viele ein Schock und klar, die Medien lieben es, das Volk schimpft … Manche darüber, dass sie ja schon seit über 30 Jahren Schlange stehen, also arbeiten und schuften, und erst jetzt sehen, dass die goldene Zukunft doch eher ein fauler Apfel ist. 

Sie merken, dass sie seit dem sie denken können, gehört haben, dass diese eine Schlange die richtige ist. Da soll man sich brav anstellen, weil es alle tun und das der “normale” Weg ist. Also taten sie dies ohne je das Ende der Schlange in Frage zu stellen und dann wurden sie enttäuscht, als sie erfuhren, dass es da vorne nicht Marmelade, sondern ungesalzene Butter am Brot gab. 

Die Digitalisierungsschlange

In den letzten Jahren wurde immer bekannter, was diverse Social Media Companies, allen voran Facebook, mit unseren Daten machen. 

Vor zwei Wochen wohnte ich einer Diskusion bei, bei der die Moderatorin sich beschwerte, dass Facebook ihre Daten ja seit neuestem verwendet, um mit Werbung Geld zu machen. 

Ich fragte sie höflich, was sie denn die letzten zwei Jahre dachte, warum

1. Facebook ihre ganzen Likes wolle und

2. wie sie dachte, dass Facebook Geld verdient.

Die Frage danach, ob sie sich mit den AGBs auseinandergesetzt habe, BEVOR sie sich angemeldet habe, verkniff ich mir, setzte aber nach, indem ich fragte, wie oft sie bedroht wurde, damit sie ihre Familienfotos und ihr Interesse für den Donauturm (stand ja auf ihrer Facebook Page) auf Facebook stellt. 

Wir alle posten, liken, kommentieren und drücken unsere Gefühle durch Emoticons auf Plattformen aus, deren Besitzer wir nicht kennen und deren Hauptsitz an einem Ort liegt, dessen Gesetzesauslegung nicht der Europäischen Denke in Hinsicht Datenschutz entspricht. 

Ach ja, wir tun dies freiwillig … übersetzt: durch unseren freien Willen, ja! wirklich!

Und dann diskutieren wir darüber, wie böse diese Plattformen sind. 

Wir stellen uns in diese kollektive Schlange aus Sehen und Gesehen werden und tun selbst alles, damit alle unser tolles Leben sehen, kommentieren und liken und tun ja alles, damit die Welt (unsere Facebook Friends) sieht, was für tolle Leute wir kennen. 

Und nochmal, in diese Schlange haben wir uns freiwillig gestellt und zwar weil unsere Freunde auch schon da waren und weil “halt alle dabei sind” und haben brav partizipiert. 

Wir haben alle die AGBs akzeptiert, weil uns das Gefühl der Masse, die alle anstehen, Sicherheit vorgespielt hat. 

Und jetzt, wo immer mehr bekannt wird, dass Social Media Kanäle es auf unsere Daten (habe ich schon erwähnt, dass wir diese freiwillig hochladen) abgesehen haben, diskutieren wir wie schlimm das Ganze geworden ist … nur um dann schnell die neuesten Fotos vom Weihnachtsbaum hochzuladen und uns an den Likes zu ergötzen. 

Ja, wir stehen immer noch in der Schlange, kennen mittlerweile deren Sinn, finden es nicht befriedigend, aber bleiben trotzdem dort, weil ja alle dabei sind und Alternativen zu anstrengend wären. 

Das Selbe gilt übrigens 1:1 für die Wohlstandsschlange: wir kennen deren undankbares Ende, aber bleiben dabei. 

Anstatt in Anbetracht der nicht rosigen Zukunft unser eigenes Ding (Stichwort Unternehmertum) zu machen, erfinden wir Ausreden, warum alles ja doch nicht so schlimm ist … nachdem wir uns davor beschwert haben, dass unsere Pension ein Witz sein wird. 

Wir alle – auch ich – stehen in Schlangen, weil wir irgendwann mal gehört haben, dass das schon so passt und haben es getan ohne vorher den Sinn und Zweck zu hinterfragen. Wir sind, ähnlich Lemmingen, einfach mal hinterhergelaufen. 

Alles gut, solange wir nicht entdecken, dass wir in der falschen Schlange angestanden sind.

Wir können jeden Tag die Schlange wechseln, uns davon entfernen oder – was das coolste ist – eine eigene starten.

Wissen wir, in welcher Schlange wir stehen und warum?

Krabi, 3. Jänner, 2016

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